Es korkt der Kork — nicht der Wein!

Nichts als Ärger mit den Stopfen

Las­sen wir mal all den his­to­ri­schen Kram bei­seite: also wer, wann und wie­l­ange schon Kor­ken zum Ver­schluss von Wein­fla­schen ver­wen­det und wer die­ses Ver­fah­ren erfun­den hat. Das ist näm­lich gar nicht wich­tig. Wich­tig jedoch ist eines: mit den Korkstop­fen hat man nichts als Ärger.

Grund­sätz­lich ist Kork ja schon sehr gut als Fla­schen­ver­schluss geeig­net: Kork ist elas­tisch, gas– und flüs­sig­keits­dicht und — eigent­lich — geschmacks­neu­tral. Aus­ser­dem ist Kork ein nach­wach­sen­der Roh­stoff. Hier fängt es aber bereits an, denn kor­rek­ter­weise muss man schrei­ben „ein nicht in aus­rei­chen­der Menge nach­wach­sen­der Rohstoff”.

Das Haupt­pro­du­zen­ten­land für hoch­wer­ti­gen Kork ist Por­tu­gal. Dane­ben gibt es noch eine Pro­duk­tion in Spa­nien, Ita­lien, Marokko.

Der Kork wird aus der Rinde der Kork­ei­che gewon­nen, ein Baum, der bis zu 150 Jahre alt wer­den kann. Im Alter von 35 Jah­ren kann der Baum das erste Mal „abge­ern­tet” wer­den. Danach in einem 9 bis 12 Jahre Ryth­mus immer wieder.

Bei der Kork­ge­win­nung wird die Rinde der Kork­ei­che abge­schält, eine dif­fi­zile Tätig­keit, da die Wachs­tums­schicht des Bau­mes nicht beschä­digt wer­den darf. Die abge­schäl­ten Rin­den wer­den sodann gewäs­sert, getrock­net, gekocht, gebleicht und geschnit­ten. Wenn die­ser Pro­duk­ti­ons­pro­zess gut und sach­ge­recht durch­ge­führt wurde, hat man hin­ter­her pas­send zuge­schnit­tene Naturkorken.

Soweit so gut. Irgend­wann hat auch mal jemand gemerkt, dass es wenig sinn­voll ist, zum blei­chen der Kor­ken chlor­hal­tige Che­mi­ka­lien zu ver­wen­den, da diese den Geschmack des Wei­nes beein­träch­ti­gen kön­nen. Mitt­ler­weile wird auf Chlor somit (weit­ge­hend) ver­zich­tet — zumin­dest bei den hohen Qualitäten.

Wir reden hier gerade von den hoch­wer­ti­gen, mas­si­ven Korkstop­fen, dass es da auch noch andere Pro­dukte gibt, wird wei­ter unter näher erläutert.

Ein sol­cher Kor­ken hat nun eine Länge zwi­schen 2 cm und 5 cm — umso län­ger, umso hoch­wer­ti­ger. Das Mate­rial sollte fest sein, keine Risse und keine Fraß­spu­ren von Schäd­lin­gen aufweisen.

Hoch­wer­tige Kor­ken kos­ten bis zu 1,00 Euro pro Stück …

Das Pro­blem ist: es wird mehr Wein pro­du­ziert und ver­kauft, als es hoch­wer­tige Kor­ken gibt. Also setzt man zuneh­mend auch mider­wer­tige Qua­li­tä­ten ein. Diese min­der­wer­ti­gen Qua­li­tä­ten sind dann z.B. wesent­lich kür­zer, nicht mehr aus mas­si­vem Kork usw. Ins­be­son­dere die Bil­lig­kor­ken, aus Gra­nu­lat her­ge­stellt und ver­leimt, sind ein Ärgernis.

Seit­dem Kork als Fla­schen­ver­schluss üblich wurde, musste der Wein­trin­ker mit einem Pro­blem leben: dem Kork­feh­ler eines Wei­nes. Die­ser Feh­ler ist deut­lich schmeck– und riech­bar und macht einen Wein gänz­lich unge­niess­bar. Das bedeu­tet: Die betrof­fene Fla­sche kann man wegschütten.

TCAVer­ant­wort­lich für die­sen Feh­ler ist das Tri­chlo­ra­ni­sol, genauer gesagt, das 2,4,6-Trichloranisol.

Die­ser Übel­tä­ter kann wäh­rend des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses des Kor­kens ent­ste­hen und ist ein Abfall­pro­dukt mikro­bak­te­ri­el­ler Tätig­kei­ten inner­halb des Kor­kens. Unan­ge­neh­mer­weise ist TCA, so kürzt man Tri­chlo­ra­ni­sol gemein­hin ab, bereits in gerings­ten Men­gen sen­so­risch wahr­nehm­bar. Unvor­stell­bare 0,000006 g/l TCA auf einen Liter Flüs­sig­keit sind bereits deut­lich identifizierbar.

Man sieht dem Kor­ken seine TCA-Belastung aber nicht an und das macht die Sache so dra­ma­tisch! Es ist ein stän­di­ges Risiko für alle am Wein­kreis­lauf Betei­lig­ten. Einem recht bekann­ten ita­lie­ni­schen Win­zer hat es in einem Jahr­gang die gesamte Pro­duk­ti­ons­menge zer­stört, da die Kor­ken, die er von sei­nem Händ­ler bezo­gen hatte, durch die Bank TCA ver­seucht waren. Ein mir gut bekann­ter Win­zer aus deut­schen Lan­den hat vor eini­gen Jah­ren eine Lie­fe­rung von 2500 TCA belas­te­ten Kor­ken bekom­men und mit die­sen einen Teil sei­ner Fla­schen ver­se­hen. Man stelle sich das ein­mal vor: da arbei­tet jemand wie irre das ganze Jahr in sei­nem Win­gert und kann das Ergeb­nis dann weg­schüt­ten, weil so ein ver­damm­ter Stop­fen ihm alles ver­saut. Von den wirt­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, die sowas haben kann, darf man gar nicht reden. Auch dem Image ist sowas nicht zuträg­lich: Wenn Sie bei einem Win­zer z.B. 12 Fla­schen eines Wei­nes gekauft haben und 5 davon weg­schüt­ten müs­sen, weil der Wein durch einen Kork­feh­ler ver­dor­ben ist, wer­den Sie sich im nächs­ten Jahr wohl schon über­le­gen, ob Sie bei die­sem Win­zer noch­mal kaufen.

Auch für den Han­del ist es eine Belas­tung: schliess­lich nimmt ein guter Händ­ler Fla­schen mit Kork­feh­lern zurück und leis­tet Ersatz. Neben dem Ärger mit dem Kun­den ist es auch für den Händ­ler ein wirt­schaft­li­ches Risiko.

Ebenso in der Gas­tro­no­mie: die Fla­schen sind gekauft und bezahlt, wenn nun in nen­nens­wer­tem Umfang Kork­feh­ler auf­tre­ten, belas­tet das die Kal­ku­la­tion erheblich.

Für den Ver­brau­cher ist es ebenso ärger­lich: Da holt man eine Fla­sche Wein aus dem Kel­ler und kann sie dann wegen eines Kork­feh­lers weg­schüt­ten. Viel­leicht hat man die auch schon etwas län­ger gela­gert und kann auch nicht mehr zu dem Händ­ler gehen und einen vor, sagen wir mal, fünf Jah­ren gekauf­ten Wein rekla­mie­ren. Auߟerdem ist es frus­trie­rend, einen Wein, auf den man sich gefreut hat, in den Aus­guss zu schütten.

Was also tun?

Es gibt ein Ver­fah­ren, das Kor­ken einem recht kom­pli­zier­ten Bear­bei­tungs­pro­zess mit Mikro­wel­len unter­zieht. Die Her­stel­ler­firma gibt an, dass dadurch da Kor­k­ri­siko signi­fi­kant sin­ken würde. Das Ver­fah­ren hat sich bis­her aller­dings nicht durch­ge­setzt, da die so behan­del­ten Kor­ken andere Nach­teile zu haben schei­nen. Einige Win­zer, die diese Kor­ken aus­pro­biert hat­ten, sind wie­der zu „nor­ma­len” Kor­ken zurückgewechselt.

Aber warum nimmt man die­ses Ärger­nis Kor­ken denn über­haupt in Kauf? Es gibt doch Alternativen!

Zum einen ver­langt der Ver­brau­cher in Deutsch­land in sei­ner Wein­fla­sche einen Kor­ken. Das macht ja so schön „Plopp!” wenn man die Fla­sche öffnet. Ein Blöd­sinn ist es trotz­dem. Aber den­noch: die Ver­schluss­al­ter­na­ti­ven „Kron­kor­ken” und „Dreh­ver­schluss” sind in Deutsch­land nega­tiv mit einem Bil­lig­image behaftet.

Oft­mals wird bemän­gelt, dass es mit den Alter­na­tiv­ver­schlüs­sen keine Lang­zeit­un­ter­su­chun­gen gebe, inwie­weit sich diese auf die Wein­qua­li­tät aus­wir­ken. Das stimmt nur bedingt: Metall­kap­seln wer­den seit lan­ger Zeit im Pro­duk­ti­ons­pro­zess des Cham­pa­gners ein­ge­setzt und haben sich da bes­tens bewährt. Auch Dreh­kap­sel­ver­schlüsse sind heut­zu­tage so gas­dicht, wie das von einem Ver­schluss­sys­tem für Wein­fla­schen eben ver­langt wird.

An die­ser Stelle kann auch gleich mit einem wei­te­ren Ammen­mär­chen auf­ge­räumt wer­den: Kork atmet nicht! Ein Kor­ken, der einen Gas­aus­tausch zwi­schen Fla­schen­in­halt und Umge­bung zulässt ist feh­ler­haft. Der Wein wird früh­zei­tig oxi­die­ren und ver­der­ben. Ein guter Kor­ken ist abso­lut luft­dicht. Der Pro­zess der Rei­fung eines Wei­nes in der Fla­sche erfolgt mit dem Stück Luft zwi­schen Füll­stand und der Unter­seite des Ver­schluss­sys­te­mes, sowie mit dem im Wein gelös­ten Sau­er­stoff. Alle ande­ren Behaup­tun­gen sind unse­riös und schlicht­weg falsch. Die Vor­stel­lung eines „atmen­den” Wei­nes bedient viel­leicht die roma­ti­schen Bedürf­nisse des Ver­brau­chers, ist aber eben nur eines: Unsinn.

Zurück zu den Alter­na­ti­ven: Es gibt also Metall­kap­seln („Kron­kor­ken”), Dreh­ver­schlüsse und es gibt noch Plas­tik­stop­fen.
Diese Plas­tik­stop­fen sind den nor­ma­len Kor­ken nach­ge­bil­det.
Das hat Vor­teile.
Der Win­zer kann seine vor­han­dene und sehr teure Abfüll­an­lage wei­ter nut­zen, der Kon­su­ment kann wei­ter­hin mit sei­nem Kor­ken­zie­her her­um­fuch­teln und „Plopp!” macht es auch.
Lei­der sind die Plas­tik­stop­fen unter ande­ren Aspek­ten abzu­leh­nen: Bei den mir bekann­ten Ver­gleichs­rei­hen schnit­ten die mit Plas­tik­stop­fen ver­schlos­se­nen Weine meist am schlech­tes­ten ab. Das liegt unter ande­rem daran, dass die Plas­tik­stop­fen nicht über die nötige Gas­dichte ver­fü­gen und somit einen uner­wünsch­ten Gas­aus­tausch zwi­schen Fla­schen­in­halt und Umwelt ermög­li­chen. Den Wei­nen bekommt das selbst­ver­ständ­lich nicht, sie altern frü­her, oxi­die­ren, ver­der­ben. Aber immer­hin: Korkschme­cker gibt es bei Plas­tik­stop­fen natür­lich keine. Inso­fern eige­nen sie sich sehr gut um Weine zu ver­schlies­sen, die inner­halb eines Jah­res nach der Abfül­lung getrun­ken werden.

Bes­ser geeig­net sind die bereits genann­ten Metall­kap­seln und die Dreh­ver­schlüsse. Bei die­sen Ver­schluss­ar­ten fal­len vor allem zwei Nach­teile ins Gewicht. Ers­tens: Die Win­zer brau­chen eine neue Abfüll­an­lage; und das kos­tet rich­tig Geld. Zwei­tens: Beide Ver­schluss­ar­ten haben in Deutsch­land ein grot­ten­schlech­tes Image. Gerade die­ses schlechte Image aber hält viele Win­zer davon ab, auf diese Ver­schluss­sys­teme zu wech­seln. Das ist auch nach­voll­zieh­bar, da die Win­zer dar­auf ange­wie­sen sind, dass der Ver­brau­cher ihre Pro­dukte auch kauft — und zwar zu einem ange­mes­se­nen Preis.

Den­noch: Die Kork­pro­bleme haben in den letz­ten Jah­ren der­art zuge­nom­men, dass es schon fast zwin­gend ist, in irgend­ei­ner Form dar­auf zu rea­gie­ren. Die alter­na­ti­ven Ver­schluss­sys­teme kön­nen viele Pro­bleme lösen hel­fen und so man­chen Ärger über eine kor­kige Fla­sche ver­mei­den helfen.

Natür­lich kann auch das beste Ver­schlus­sys­tem aus einem schlech­ten Wein kei­nen guten machen, aber das wäre ein ande­ren Thema. In eine gute Fla­sche Wein gehört den­noch kein Korken.

Autor: Mar­tin H. Gei­ger im Februar 2002

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