Restaurant Essigbrätlein in Nürnberg

Gemein­sam mit der Speise– und Wein­karte wird ein Amuse gueule gereicht.
Die Wein­karte ist sorg­fäl­tig und kennt­nis­reich zusam­men­ge­stellt. Jeder Win­zer und jeder Wein wird mit eini­gen erklä­ren­den Wor­ten dar­ge­stellt.
Das Sor­ti­ment kann über­zeu­gen: neben deut­schen Spit­zen­win­zern wie Fürst, Ruck, Van­Vol­xem, fin­den sich Spit­zen­weine aus Ita­lien, Frank­reich und der neuen Welt.
Auch einige aus­ge­suchte Bordeaux-Raritäten sind auf der Karte.
Die Spei­se­karte ist hand­ge­schrie­ben. Das ist einer­seits sym­pa­thisch, signa­li­siert es doch die häu­fige Aktua­li­sie­rung. Ande­rer­seits ist es etwas ärger­lich, wenn zum Stu­dium der Spei­se­karte höhere Fähig­kei­ten in Gra­pho­lo­gie not­wen­dig sind, um zu ent­schlüs­seln, wel­che Genüße hier ange­bo­ten wer­den.
Das Ange­bot selbst passt auf zwei DIN-A4 Sei­ten, wobei auf einer Seite ein Menue­vor­schlag unter­brei­tet wird.
Beide Kar­ten sind auch äußer­lich sehr anspre­chend gke­stal­tet — den Ein­band ziert ein Kunst­werk des bekann­ten Künst­lers Man­fred Hürli­mann. Einige wei­tere groß­for­ma­tige Gemälde Hürli­manns set­zen in der Gast­stube moderne Kon­traste zu der his­to­ri­schen Bausubstanz.

Eine gute Wahl ist sicher das ange­bo­tene Menue. Hier wer­den zwei Vari­an­ten ange­bo­ten: ein­mal in einer Aus­prä­gung mit sechs Gän­gen (ca 80 Euro) und als klei­nes Menu mit vier Gän­gen (ca. 65 Euro).
Die Aus­wahl der pas­sen­den Weine kann der Gast ent­we­der selbst vor­neh­men und wird dabei freund­lich durch den Som­me­lier unter­stützt, oder man bit­tet ein­fach darum, zu jedem Gang einen pas­sen­den Wein zu bekom­men. Die­ser Bitte wird gerne nach­ge­kom­men.
Die Weine zu den ein­zel­nen Gän­gen wer­den den­noch zur Ver­kos­tung ange­bo­ten, so dass der Gast die Mög­lich­keit hat, von den Vor­schlä­gen abzu­wei­chen.
Bei mei­nem Besuch waren die vor­ge­schla­ge­nen Weine aller­dings durch­wegs von her­vor­ra­gen­der Qua­li­tät und haben, mit einer Aus­nahme, auch per­fekt zu den jewei­li­gen Gän­gen gepasst.

Sind Wein und Spei­sen gewählt, ent­facht die Küche ein Feu­er­werk der Lebens­freude.
„Gewürz­kü­che“ über­schreibt And­ree Köthe sein Koch­kon­zept. Wer sich bis­her dar­un­ter wenig vor­stel­len konnte, bekam ja bereits beim Amuse gueule einen ers­ten Ein­druck.
Das Menue baut in der Abfolge der ein­zel­nen Gänge einen Span­nungs­bo­gen auf, der „Gruß aus der Küche“ und die Vor­speise öffnen die Sinne. Das Zwi­schen­ge­richt (in unse­rem Fall ein Rochen auf schwar­zen Boh­nen mit Ananas-Vinaigrette) ver­zau­bert mit Geschmacks­kon­tras­ten die sich per­fekt ergän­zen.
Der Haupt­gang bil­det einen wun­der­ba­ren Höhe­punkt und das Des­sert, Rha­bar­ber mit Grau­pen­pfann­ku­chen und Car­da­monsauce, ist ein Traum — vor allem in Ver­bin­dung mit einer TBA von Nitt­naus.
Selbst­ver­ständ­lich sind alle Grund­sub­stan­zen von her­vor­ra­gen­der Qua­li­tät und Fri­sche. Voll­kom­men klar, dass auch die Prä­sen­ta­tion der Spei­sen höchs­ten Ansprü­chen genügt.
Ein­drucks­voll ist jedoch die kra­tive Kom­bi­na­tion ver­schie­dens­ter Gemüse und Gewürz­ar­ten. Ganz über­ra­schende Kom­bi­na­tio­nen begeis­tern den Gast. Gewürze und Gemüse, ob zum Rind, zur Taube oder einen Rochen beglei­tend. Ein­fach begeis­ternd und es wird sehr ein­drucks­voll deut­lich, dass And­ree Köthes Ruf als Koch nicht von unge­fähr kommt.

Zum Abschluss des Fest­mahls bie­tet es sich an aus dem brei­ten Ange­bot hoch­wer­tigs­ter Digestifs zu wäh­len. Edle Obst­brände, Cognacs und Whis­keys ste­hen zur Aus­wahl.
In jedem Falle sollte man noch einen Kaf­fee bzw. Espresso neh­men, wird hierzu doch eine Aus­wahl edels­ter Scho­ko­la­den gereicht.

Ein Tem­pel der Kuli­na­rik ist das Essig­brät­lein auf jeden Fall.
Aller­dings lei­det das Lokal, mei­ner Ansicht nach, etwas unter den räum­li­chen Ver­hält­nis­sen.
Zum einen sitzt man schon wirk­lich sehr eng. So eng, dass eine Unter­hal­tung bes­ten­falls im Flüs­ter­ton mög­lich ist, möchte man nicht die ande­ren Gäste beläs­ti­gen.
Auch die sani­tä­ren Ein­rich­tun­gen sind eines Hau­ses die­ses Kali­bers nicht ange­mes­sen.
Ebenso sollte der Gast berück­sich­ti­gen, dass hier nicht geraucht wird. Aschen­be­cher wer­den auch nach dem Menue nicht gebracht. Das ist aller­dings durch­aus ver­ständ­lich. Bedingt durch die win­zige Gast­stube würde jeg­li­cher Zigaretten-, Zigar­ren– oder Pfei­fen­rauch die ande­ren Gäste stark stö­ren. Wer also eine Zigarre nach einem Spit­zen­me­nue als Finish schätzt, hat hier ein Problem.

Ein Fazit zu zie­hen fällt mir schwer. Einer­seits ist die Küche wahr­lich her­aus­ra­gend gut und hätte, ebenso wie der Ser­vice, eine deut­lich höhere Bewer­tung als die oben genann­ten 93 Punkte ver­dient.
Ande­rer­seits ist mir eine der­art strenge Fokus­sie­rung auf das Essen und Trin­ken nicht wirk­lich ange­nehm. Es ist für meine Begriffe zu eng, die Toi­let­ten sind eine Zumu­tung und eine Unter­hal­tung in nor­ma­ler Laut­stärke unter­lässt man im Inter­esse der ande­ren Gäste bes­ser.
Somit ist das Essig­brät­lein ein wun­der­ba­rer Ort wenn man erle­ben möchte, was ein Kön­ner und Künst­ler am Herd alles voll­brin­gen kann.
Ein Ort für einen genuss­rei­chen Abend zu zweit kann es auch noch sein, eine Loca­tion, in der neben dem Genuss auch noch die Kom­mu­ni­ka­tion steht, ist es sicher nicht.

Restau­rant Essigbrätlein

Wein­markt 3
90403 Nürn­berg
Tel: 0911 22 51 31
Fax: 0911 236 98 85

Meine Wer­tung: 93 Punkte

Mar­tin H. Geiger

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